Blinzelbar im Frappant - Große Bergstraße 168
Ein Projektraum von Judith Haman und Heiner Metzger
Mitte März 2010: Entmietung der Blinzelbar aus dem Frappant
Die Blinzelbar ist woanders - nicht in der Viktoriakaserne !
Hamburg-Altona: Nach massivem Druck, Pöbeleien und Androhungen durch den nominellen Eigentümer des Frappantgebäudes (seit 2009 als Teil von HypoRealEstate im Eigentum der Staats), einem halbseidenen Umzugsangebot in die nahegelegene Victoria Kaserne von seiten der Sprinckenhof AG und nach monatelangen Diskussionen mit den "Frappantkünstlern" mußten wir das Frappantgebäude verlassen. Die Blinzelbar existiert als Aktions-, Konzert- und Diskussionsraum momentan nicht mehr. Wir hoffen, durch diverse Interventionen den Abriß des Frappantgebäudes weiter verhindern zu können.
Mit dem Begriffsfeld „opakes Displacement“ formulierten wir eine Konzeption für das Jahresprogramm 2009 der Blinzelbar. Das Begriffsfeld spricht verschiedene Aspekte an, die uns wichtig und anregend erscheinen: - die soziale und kulturelle Verschiebung als mögliches Resultat der Sanierungsmaßnahmen im Umfeld der Blinzelbar | - den Wandel in der Perspektive künstlerischer Arbeiten in Richtung auf ereignisbezogene Kommunikationen | - die besondere Licht- und Raumkonstellation in der Blinzelbar: Fensterwand zur Großen Bergstraße (in Nordrichtung, kein direktes Sonnenlicht) | - Möglichkeiten der direkten Kommunikation mit den Passanten durch die Gestaltung der Fensterflächen, u.a. , | - Korrespondenzen mit Künstlern aus anderen Städten / Ländern, die ihre digitalen Arbeiten (Texte, Bilder, Filme, u.a.) in die Blinzelbar senden, dort auf die opake Fensterfläche projiziert werden, und für Interessierte in und vor der Blinzelbar angeschaut und gelesen werden können.
Vor wenigen Monaten wurde der Blinzelbar gekündigt, da ein neuer Eigentümer das Forumgebäude, in dem die Blinzelbar vier Jahre beheimatet war, umbauen möchte. Umbauen, das heißt in diesem Fall eine Neugliederung und Einteilung der Mietflächen, vorwiegend um eine Anmietung für Besserverdienende und kommerzielle Mieter wie Supermarkt- und Drogerieketten attraktiv zu machen.
Ähnlich der Blinzelbar, die nun ohne Ort war, ging es ca. 40 „Kreativen“, die sich Ateliers, Arbeits - und Ausstellungsräume in dem Forumgebäude eingerichtet hatten. Die naheliegende Option, in das benachbarte Frappantgebäude, seit Jahren leerstehend, einzuziehen, gestaltete sich zwar schwierig, konnte jedoch mit einem Zusammenschluß der Entmieteten in dem neuen Verein Frappant e.V. und aufgrund intensiver Bemühungen aller Beteiligten erreicht werden. Nun sind ca. 120 „Kreative“ in das Frappantgebäude eingezogen und es möchten immer mehr einziehen. Dabei werden sie in Politik und Sanierungsplanungen als „Zwischennutzer“ betitelt, ähnlich dem in früheren Zeiten üblichen „Trockenwohnern“. Vermieden wird dabei konsequent ein Blick auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Nutzer, die einen bezahlbaren Arbeitsraum mit Gestaltungsmöglichkeiten im Umfeld brauchen. Stattdessen wird eine abstrakte Ökonomisierung, deren Scheitern aktuell evident ist, zum Maßstab für Stadtplanung und als Sanierungsziel angenommen. Bei Gesprächen zwischen den „kreativen“ Mietern und nominellen Eignern, mit vielen Pressevertretern und Politikern, bekommt die Mieterseite der „Kreativen“ häufig den Eindruck sie rede von „böhmischen Dörfern“, unverständlich in der Sprache und den Inhalten.
Diese Aspekte der „böhmischen Dörfer“ werden wir bei Veranstaltungen mit den Partnerräumen thematisieren, in den Erfahrungskontext mit den wirsindwoanders#1/2/3 Projekten stellen und dabei die Kooptionsversuche von seiten des durchfinanzierten Stadtmarketing- und Kunstbetriebs zur Debatte stellen.